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Lieber Schachfreund,
Stell Dir vor: Du spielst in der obersten Liga der NMM eine gute Partie. Nachdem Du eine gewonnene Stellung nicht verwerten konntest, musst Du gegen Ende der Partie ums Remis kämpfen. Schliesslich erreichst Du eine ausgeglichene Stellung. Nach weiteren neun Zügen siehst Du, dass es in die Endspurtphase geht mit weniger als zwei Minuten für Dich und fast drei Minuten für Deinen Gegner, um die Partie zu beenden. Du beantragst Remis, schliesslich empfiehlt es sich, die beiden Mannschaftsleiter in dieser Phase dabeizuhaben, damit die Partie auch später noch Remis gegeben werden kann.
Doch nun passiert Ungeheuerliches. Zuerst kümmert sich der gegnerische Mannschaftsleiter gar nicht um Deinen Antrag, sondern wartet das Ende einer anderen Partie ab. Nachdem Deine Mannschaft diese Partie gewinnt, verliert der Mannschaftsleiter des Gegners sämtliche gute Manieren. Er ruft laut aus und beschimpft Dich mehrmals, so dass Du Dich bedroht fühlst. Zudem kann ihn weder Dein eigener Mannschaftsleiter noch die Spieler des gegnerischen Klubs zur Vernunft bringen. Wegen diesen Provokationen und dem Unverständnis für die FIDE-Regeln ist eine Weiterführung des Wettkampfs unmöglich und Dein Mannschaftsleiter scheint das einzige richtige zu machen, er bricht die Partie mit dem Verweis auf das NMM-Reglement ab.
Diese Ereignisse spielten sich in der vierten NMM-Runde zwischen dem Schachklub Liestal und der Schachfreunde BVB ab. Ich als Spielleiter des Schachklubs Liestals brach die Partie ab. So unrühmlich der Vorfall für den Schachsport war, es sollte noch viel schlimmer kommen...
Als Mannschaftsleiter schilderte ich den Vorfall dem NMM-Leiter, der als 1. Rekursinstanz zuständig ist. Ich versuchte diese sachlich zu halten, obwohl ich diesmal schriftlich vom Mannschaftsleiter der BVB als Lügner bezeichnet wurde. Meine Darlegungen wurden in den wichtigen Punkten sogar von Aussagen der Spieler der gegnerischen(!) Mannschaft untermauert.
Umso erstaunter war ich als der Entscheid eintraf, dass wir die Partie verlieren. Die Begründung des NMM-Leiters war folgende:
Der Spielabbruch wird als Entscheidung der Mannschaftsleiter vor dem Fallen einer Klappe der Uhr angesehen. Deshalb ist für die Entscheidung der Turnierleitung ausschliesslich die Partie von Belang. Nach Einschätzung der Turnierleitung ist die Partie mit normalen Mitteln zu gewinnen, so dass die Voraussetzungen für eine Wertung mit Resultat Remis nicht erfüllt sind.Diese Begründung in drei Sätzen war alles. Die sprachliche Qualität alleine lässt auf die inhaltlichen Mängel schliessen. Der erste Satz, der begründen soll, wieso plötzlich Fairness im Schach nicht mehr gelten soll, verstehe ich heute noch nicht. Unter anderem begründet der NMM-Turnierleiter nicht, wieso er nicht auf die Beleidigungen eingeht und wieso er der Mannschaft Recht gibt, die den Spielabbruch provoziert hat. Schliesslich verstossen Beleidigungen gegen die FIDE-Regeln, zum Beispiel gegen Artikel 12.1
Ein Schachspieler unternimmt nichts, was dem Ansehen des Schachspiels abträglich sein könnte.Für mich ist dies wahrlich ein Grund, eine Partie abzubrechen. Es war auch so, dass mein Spieler sich gekränkt und bedroht fühlte. Für den NSV anscheinend nicht, denn die für mich unverständlichste Entscheidung folgt erst noch.
Mit der Begründung des NMM-Leisters in formeller und inhaltlicher Form unzufrieden, wählte ich den Gang zum Schiedsgericht. Ich begründete meinen Rekurs wie folgt:
- Mein Spieler hatte noch knapp zwei Minuten. Der FIDE-Artikel (Art. 10.2a) sieht unter diesen Umständen drei mögliche Entscheidungen: sofort Remis, aufschieben der Entscheidung oder Antrag ablehnen. Einen sofortigen Partieverlust muss also mit anderen Artikeln begründet werden.
- Regelunkenntnis und die Mannschaft, die den Abbruch herbeiführte, wird belohnt.
- Der NMM-Leiter hat die Unsportlichkeiten nicht berücksichtigt.
Mein Vertrauen in das NSV-Schiedsgericht wurde allerdings schnell zerstört. Es erklärte:
Das Schiedsgericht kann auf den genannten Fall nicht eintreten.
Die Begründung dazu ist abenteuerlich und das Schiedsgericht musste die Reglemente auf eine Art interpretieren, die für mich völlig unverständlich ist. Es erklärte:
Es wird von keiner Seite bestritten, dass sich der Entscheid des NMM-Turnierleiters Christian Schenk auf die Auslegung des Artikels 10.2 der FIDE-Regeln bezieht. Der Artikel 10.2.d der FIDE-Regeln lautet:Die Entscheidung des Schiedsrichters in Bezug auf 10.2.a, b und c ist endgültig.
Ein Entscheid in Bezug auf Artikel 10.2, der von einem zuständigen Schiedsrichter einmal gefällt worden ist, kann nicht an eine höhere Instanz weitergezogen werden.
Der erste Satz des Schiedsgerichts verwundert schon. Einerseits schreibe ich in meinem Rekurs, dass ich die Begründung weder in der Sprache noch im Inhalt verständlich
finde. Dies bedeutet auch, dass ich nicht weiss auf welchen Artikel sich der NMM-Leiter bezieht. Da er in seiner Begründung keinen FIDE-Artikel aufführt, wissen wir es einfach nicht. Genausogut könnte er sich auf den Anhang D (Endspurtphase ohne Anwesenheit eines Schiedsrichters) des FIDE-Reglements beziehen.
Weiter führe ich in meinem Rekurs an, dass der NMM-Leiter den Fall nicht in seiner Gesamtheit beurteilt hat. Insbesondere die Unsportlichkeit wurden nicht erwähnt. Dies hat sicher nichts mit dem Artikel 10.2 zu tun, sondern mit dem oben aufgeführten Artikel 12.1. Mindestens diesen Einwand hätte das Schiedsgericht berücksichtigen müssen.
Und als letztes möchte ich das Schiedsgericht anfragen, wer denn der Schiedsrichter einer NMM-Begegnung ist? Gemäss NMM-Reglement sind dies die beiden Mannschaftsleiter, so heisst es in Artikel 10.8
Die beiden Mannschaftsleiter bilden die Turnierleitung. Sie sind für die Einhaltung der FIDE-Regeln und des Turnierreglements verantwortlich.Dasselbe Reglement bestimmt auch in Artikel 14.1
Streitfälle sind spätestens 48 Stunden nach Beendigung des Wettkampfs dem Turnierleiter zum Entscheid zu unterbreiten. Gegen diesen Entscheid kann an das Verbandsschiedsgericht des NSV rekurriert werden.
Gemäss Artikel 13 der FIDE-Schachregeln muss ein Schiedsrichter vor Ort sein. Übereinstimmend mit den Artikeln im NMM-Reglement übernehmen also die beiden Mannschaftsleiter die Schiedsrichteraufgabe, der Turnierleiter-NMM ist bloss erste Instanz für Streitfälle und das Verbandsschiedsgericht die zweite Instanz. Wie das Schiedsgericht einem nicht Anwesenden die Schiedsrichteraufgabe zukommen lassen kann, ist mir schleierhaft. Das Schiedsgericht hätte also den Rekurs annehmen müssen.
Der grosse Verlierer in dieser Geschichte ist der Schachsport. Während im Fussball ein Spieler für die vorgekommenen Beschimpfungen die rote Karte sehen und mit Spielsperren bestraft würde, stützt ihn der NSV. Dass weder der NMM-Leiter noch das Schiedsgericht Anstrengungen unternehmen, Vergehen gegen die Fairness zu bestrafen, betrübt mich. Durch diesen Entscheid erhält der NMM-Leiter auch zuviel Entscheidungsmacht. Gerade in der Endspurtphase sind Streittfälle vorprogrammiert. De facto ist der NMM-Leiter jetzt die letzte Instanz.
Verlierer sind auch Riehen und Rössli, die im direkten Abstiegskampf mit der BVB stehen. Aber auch die Schachfreunde BVB verlieren an Ansehen. So tritt ein langjähriges und verdienstvolles Mitglied aufgrund dieses Vorfalls aus dem Klub aus und andere überlegen sich, es ihm gleich zu tun. Das Mitglied überlegt es sich nochmals, ob es den Rücktritt aus der BVB geben will.
Für mich ist der Fall mit diesem offenen Brief erledigt. Eine andere Rekursmöglichkeiten habe ich nicht. Ich hoffe allerdings, dass sich der NSV Gedanken macht und aus diesem Fall die nötigen Konsequenzen zieht. Fairness, Anstand und Respekt sollten auch im Schachsport hoch gehalten werden und der Verband sollte deren Durchsetzung unterstützen.
Mit freundlichen Grüssen
Martin Fischer
Spielleiter des Schachklubs Liestal